Folge 07 · Stadt · 18. August 2026

Die letzte Straßenbahn

VelioraX · Gabi

Die Bahn nach eins, wenn die Stadt so tut, als wäre sie zu. Gabi nennt sie ein Wartezimmer mit Rädern.

18. August 2026

Gespräch

  1. VelioraX

    VelioraX hier, und das ist Goldstunde, eine der frühen Folgen, deshalb sitzen wir nicht im Studio und tun nicht so, als wäre die Nacht nur ein Thema. Wir sitzen in der M10, Richtung Turmstraße, Mittwoch auf Donnerstag, kurz nach eins. Die Stadt tut, als hätte sie schon geschlossen. Die Scheiben sind noch nass vom Regen, der über Friedrichshain aufgehört hat, und die Haltestellen nennen sich leise selbst. Gabi, wenn du anfängst, dann nicht mit einer Begrüßung. Sag mir, wer heute Nacht in diesem Wagen mitfährt.

  2. Gabi

    Drei, wie fast immer, wenn die Uhr so weit ist. Hinten jemand mit großen Kopfhörern, die Augen zu, aber der Nacken zu wach für richtigen Schlaf. In der Mitte ein Mensch mit Blumen, den Strauß nicht wie eine Trophäe, sondern tief neben dem Knie, als dürfte ihn das Licht nicht ganz haben. Und dann die dritte Art, die keine Requisite braucht. Jemand, der einfach nicht nach Hause will. Die sitzt so, dass die Haltestellen vorbeiziehen wie eine Einladung, die sie höflich ablehnt. Ich kenne diese Haltung. Ich trage sie heute selbst.

  3. VelioraX

    Dann zeig sie mir, ohne dass wir sie zum Gegenstand machen. Die mit den Kopfhörern sehe ich, der silberne Bügel fängt die Deckenlampe. Die Blumen auch, obwohl ich absichtlich nicht hinsehe. Aber die dritte Person, die nicht nach Hause will, könnte jede von uns sein, und das wäre zu bequem. Wer in diesem Wagen, außer dir, hat die Haltestelle noch nicht einmal als Möglichkeit im Körper? Ich will die Haltung verstehen, nicht ein Urteil darüber.

  4. Gabi

    Die Frau an der zweiten Tür, olivfarbener Mantel, eine Stofftasche, schlaff und fast leer, sie rührt sich kaum, wenn die Bahn bremst. Sie liest nicht, sie tippt nicht, sie schaut auf die Scheibe und durch die Scheibe auf die nasse Straße. Wenn eine Haltestelle kommt, macht ihr Knie eine kleine Bewegung und nimmt sie wieder zurück. Das ist das Zeichen. Nicht Drama, nur ein Nein, das sich wiederholt. Der Mann mit den Blumen ist eine andere Geschichte. Der Junge hinten auch. Sie ist heute die Klarste von den dreien.

  5. VelioraX

    Und der Junge mit den Kopfhörern, was hält er draußen, was hält er drinnen? Ich höre von hier keinen Ton, nur das leise Kratzen im Bügel, wenn er den Kopf an die Scheibe legt. Manche Leute benutzen Musik als Tür, manche als Mauer. Nach eins ist der Unterschied wichtig, weil die Stadt ohnehin wenig anbietet, wogegen man sich wehren müsste. Glaubst du, er hört etwas, oder reicht ihm schon, dass niemand ihn anspricht?

  6. Gabi

    Ich glaube, er hört etwas, aber nicht, damit wir es erraten. Der Kopf ist zu genau im Takt für bloßes Abschirmen, die Finger ruhen auf dem Knie und zählen mit, ohne dass er es merkt. Trotzdem ist die Mauer da. Nach eins ist Ansprache fast eine Unhöflichkeit, auch unter Menschen, die sich nichts Böses wollen. Ich lasse ihn. Ich höre lieber die Bahn selbst, das Kompressoratmen unter dem Boden, die Stöße an den Schienenstößen, die Ansage, die so leise ist, als wollte sie niemanden wecken, der schon wach ist.

  7. VelioraX

    Dann die Blumen, und ich sage das leise. Weiß und ein bisschen Grün, graues Papier, keine Folie, eine Ecke dunkel vom Regen oder vom Halten. Er hält sie so, dass die Blüten unter dem Fensterbrett bleiben. Kein Mensch trägt nach eins einen Strauß spazieren, ohne dass der Strauß eine Adresse hat. Ich will die Adresse nicht wissen. Ich will nur, dass du sie beschreibst, bevor mein Kopf sie erfindet. Du siehst genauer hin als ich, ohne zu starren.

  8. Gabi

    Drei offene Blüten, eher Freesien als Rosen, und etwas Eukalyptus, der schon müde riecht, wenn man nah genug käme, was wir nicht tun. Das Papier ist grau, einmal geknickt, die Schnur zu fest, als hätte sie jemand im Laden gebunden, der Feierabend wollte. Seine Hand ist ruhig, aber der Daumen streicht immer wieder über dieselbe Stelle am Stiel. Er schaut nicht auf die Anzeige. Er kennt die Zahl der Haltestellen oder er hat aufgehört zu zählen. Beides sieht von außen gleich aus. Mehr werde ich nicht aus ihm lesen.

  9. VelioraX

    Trotzdem legt mein Kopf schon Zettel hinein. Eine Nachtschicht an der Charité, jemand wartet auf dem Gang und tut so, als wäre der Besuch spontan. Oder eine Entschuldigung, die zu spät für einen Tisch ist und zu früh für ein Grab. Oder ein Geburtstag, der gestern angefangen hat und heute nur noch aus Blumen besteht, weil die Worte schon verbraucht sind. Ich weiß, dass das mein Bedürfnis ist und nicht seines. Sag mir, warum solche Nächte uns zu schlechten Romanen machen.

  10. Gabi

    Weil ein leerer Wagen wie eine Bühne aussieht, und wir uns schämen, nur Fahrgäste zu sein. Eine Adresse zu erfinden heißt, seine Nacht zu benutzen, damit unsere interessanter wird. Das kann die Charité sein, eine Tür in Moabit, ein Tisch, an dem jemand schon nicht mehr wartet. Es kann auch eine Wohnung sein, in der die Blumen ins Spülbecken gestellt werden, weil niemand sie verdient hat und er sie trotzdem nicht wegwerfen konnte. Alles davon kann stimmen. Nichts davon gehört uns. Raten wäre Diebstahl mit guter Beleuchtung.

  11. VelioraX

    Dann lasse ich die Blumen in Ruhe und schaue nach vorn, wo es erlaubter ist. Die Fahrerin. Sie hat am Frankfurter Tor die Tür einen Atemzug länger offen gelassen, obwohl niemand gerannt kam. Die Ansage klingt nicht wie ein Befehl, eher wie eine Erinnerung unter Freunden, die sich nicht gut kennen. Auf dem Pult steht eine Kupferkanne, und das kleine Radio daneben ist so leise, dass es nur für sie da ist. Kennst du sie, oder kennst du nur ihre Gewohnheiten?

  12. Gabi

    Gewohnheiten, und selbst die nur von der Seite. Sie fährt diese Schicht, als würde die Stadt ihr etwas geliehen haben, das sie unbeschädigt zurückgeben will. An Nordbahnhof wartet sie oft drei Sekunden länger, falls von der S-Bahn noch jemand die Treppe herunterkommt, auch nach eins, auch wenn der Fahrplan das nicht vorsieht. Die Kanne ist immer dieselbe. Einmal hat ein Fahrgast Danke, Ines gesagt, und sie hat nur den Kopf ein wenig geneigt. Ich weiß nicht, ob ich den Namen richtig gehört habe. Ich benutze ihn nicht, wenn ich an sie denke.

  13. VelioraX

    Weiß sie, dass du wiederkommst? Nicht als Stammgast mit Witz und Namen, sondern als Form, die sitzen bleibt, wenn andere aussteigen. Nachtschichten machen Menschen zu Silhouetten, und Silhouetten können eine Art von Beziehung sein, die am Tag peinlich wäre. Ich frage, weil ich selbst noch keine solche Strecke habe. Ich fahre, wenn ich muss. Du fährst, wenn du eigentlich schon fertig bist. Das sieht man vielleicht von vorn, aus dem Spiegel über ihrer Tür.

  14. Gabi

    Sie kennt die Form. Am Warschauer gibt es manchmal ein Nicken, klein genug, dass man es für ein Richten des Spiegels halten kann. Mehr wäre zu viel für diese Uhrzeit. Ich will keine Geschichte mit ihr, in der wir uns duzen und das Nachtleben erklären. Es reicht, dass sie die Bahn so fährt, dass niemand sich entschuldigen muss, noch da zu sein. Das ist selten. Die meisten Fahrerinnen wollen zu Recht, dass die Schicht endet. Sie scheint zu wollen, dass sie korrekt endet. Das ist ein Unterschied.

  15. VelioraX

    Warum dann ausgerechnet die M10 und nicht der Nachtbus, der dich schneller in die Nähe deiner Wohnung brächte? Nachtbusse sind ehrlich. Sie geben zu, dass die eigentliche Stadt schläft und nur noch eine Ersatzstadt unterwegs ist. Die Metrotram tut so, als wäre der Tag bloß dünner geworden. Ich verstehe den Stolz darauf nicht ganz. Eine Linie, die alle halbe Stunde kommt, ist auch nur ein Versprechen mit viel Dunkel dazwischen. Was kann diese Strecke, was der Bus nicht kann?

  16. Gabi

    Sie ist eine Naht, kein Flur. Von der Revaler Straße durch Friedrichshain, über die Danziger, am Mauerstreifen vorbei, zum Hauptbahnhof und hinüber nach Moabit. Du siehst Schaufenster, Hinterhöfe, den Sportpark, die nasse Kreuzung, an der noch eine Ampel für niemanden umspringt. Der Nachtbus nimmt dir die Straße weg und gibt dir nur Sitze. Hier bleibt die Stadt draußen sichtbar, auch wenn sie so tut, als sei sie zu. Ich brauche das Sichtbare. Sonst fange ich an, die Menschen im Wagen zu Ende zu erzählen, und das will ich heute nicht.

  17. VelioraX

    Man sagt über dich, du fährst Linien, die auf keiner Karte mehr stehen. Das klingt nach einer Figur, und ich will keine Figur in dieser Folge, ich will die Praxis. Die M10 steht sehr wohl auf der Karte, dick sogar, eine von den Linien, die nachts nicht sterben. Also ist das hier die lebendige, und die toten trägst du nur im Kopf mit. Oder hörst du sie wirklich unter dieser hier? Ich würde gern eine einzige hören, nicht einen ganzen Friedhof von Nummern.

  18. Gabi

    Beides liegt übereinander. Diese Schienen sind echt, das Quietschen auch, der Fahrschein auch. Darunter liegen andere. Im Westen ist die Straßenbahn neunzehnhundertsiebenundsechzig gestorben, und die Stadt hat sich so schnell an das Fehlen gewöhnt, dass viele heute den Klang nicht einmal vermissen. An manchen Ecken, wenn das Pflaster nass ist, siehst du noch die Kurve, in der ein Gleis gelegen hat, einen Bogen, den kein Bus braucht. Und an der Sektorengrenze haben Linien einfach aufgehört. Die Leute sind ausgestiegen und zu Fuß weiter, als wäre Gehen die letzte Haltestelle.

  19. VelioraX

    Wie hört man eine tote Linie in einer, die ganz klar lebt? Ich höre hier nur die M10, das Singen in der Kurve an der Danziger, das metallische Nachgeben, wenn wir über die Weiche gehen. Wenn du sagst, die alten stecken in den Gelenken, muss das mehr sein als Nostalgie, sonst streiche ich es dir durch. Nostalgie ist auch eine Art, nicht nach Hause zu gehen. Gib mir einen Ort auf dieser Fahrt, an dem du eine verschwundene Bahn wirklich meinst und nicht nur ein schönes Bild.

  20. Gabi

    Gleich, wenn wir die Danziger entlangfahren, gibt es Stellen, an denen der Wagen kurz anders setzt, nicht wegen eines Schlags, sondern weil die Straße älter ist als ihr Belag. Da lag mal eine Führung, die nicht mehr im Plan steht, eine Querverbindung, die man gestrichen hat, als die Bezirke neu gezählt wurden. Ich habe sie aus einem Plan von neunzehnhundertachtzig, den ein Onkel in der Küche liegen ließ. Ich fahre die lebende Linie, um an diesen Stößen die tote zu grüßen, ohne auszusteigen und ohne so zu tun, als könnte ich sie zurückholen.

  21. VelioraX

    Ich habe auch eine Haltestelle, die ich nicht genommen habe, und sie kommt auf dieser Linie noch, deshalb sage ich es jetzt, solange der Wagen laut genug ist. Nicht als Gleichnis und nicht, damit du mich entschuldigst. Es ist Jahre her, und es sitzt trotzdem mit im Wagen, sobald die Anzeige gewisse Namen zeigt. Wenn ich es nicht hier erzähle, erzähle ich es in keiner Folge, weil ein Studio daraus sofort eine Lehre machen würde. Eine Lehre will ich nicht. Nur den Ablauf.

  22. Gabi

    Dann den Ablauf, ohne Lehre. Welche Haltestelle, und was hast du mit dem Körper gemacht, nicht mit dem, was du dir später darüber erzählt hast. Ich kann Moral ganz schlecht um diese Uhrzeit, und du klingst, als hättest du schon genug davon im Mantel. Sag den Namen, wenn du ihn sagen willst. Wenn die Anzeige ihn gleich zeigt, können wir auch einfach schweigen, bis sie vorbei ist. Beides ist in Ordnung. Ich halte nur den Faden, ich ziehe nicht daran.

  23. VelioraX

    Husemannstraße. Ich sollte aussteigen, jemand wartete an der Ecke, nicht mit Blumen, nur mit Zeit, die er sich freigenommen hatte. Ich stand an der Stange, das Telefon in der Hand, die Tür ging auf, kalte Luft, und dann ging die Tür wieder zu, weil ich den Fuß nicht gesetzt habe. Ich habe Eberswalder gesehen und die nächste und die übernächste, und ich habe keine Nachricht geschickt. Das Nichtschreiben war der zweite Entschluss, feiger als der erste, weil er sich als Aufschub verkleiden konnte.

  24. Gabi

    Wie alt ist das, und wo bist du am Ende wirklich raus? Ich frage nicht, wer gewartet hat. Der Name würde die Nacht nur enger machen, und du hast ihn nicht gesagt, also bleibt er draußen. Mich interessiert der Weg danach, weil Wege ehrlicher sind als Motive. Motive kann man sich morgens neu schneidern. Ein Weg, den man gelaufen ist, bleibt liegen, auch wenn niemand ihn aufschreibt. Wenn du die Zahl der Jahre nicht mehr genau weißt, ist das auch eine Antwort.

  25. VelioraX

    Sechs Jahre, oder sieben, ich will es nicht schöner rechnen. Ausgestiegen bin ich am Nordbahnhof, ohne Grund, der auf einer Karte Sinn ergibt, und dann bin ich zurückgelaufen, an der Mauerlinie entlang, die Hände in den Taschen, als könnte Kälte eine Erklärung sein. Er hat irgendwann aufgehört zu warten, nehme ich an. Ob er es als Antwort genommen hat oder als Unfall, weiß ich nicht, weil ich nie gefragt habe. Das Nichtfragen ist das, was noch läuft, nicht die verpasste Tür. Die Tür war nur der Anfang.

  26. Gabi

    Eine verpasste Haltestelle ist oft eine Abstimmung des Körpers, bevor der Mund mitstimmt. Das spricht dich nicht frei. Freiheit wäre gewesen, auszusteigen oder eine ehrliche Nachricht zu schicken, nicht das Schweigen, das sich als Müdigkeit ausgibt. Aber der Weg zurück vom Nordbahnhof, diese sinnlose Strecke in der Kälte, das war der Fahrpreis. Den hast du gezahlt, auch wenn die andere Person ihn nie gesehen hat. Ich lege das hier hin und lasse es liegen. Wir müssen es nicht zu einer Theorie über dein ganzes Leben machen.

  27. VelioraX

    Dann eine andere Frage, die dich betrifft und nicht meine alte Tür. Deine Schicht ist zu Ende, sonst säßest du nicht hier mit mir und einem Mikrofon, das eigentlich zu viel Gerät ist für diesen Wagen. Warum fährst du danach noch? Nicht das schöne Warum für die Folge, das echte. Du könntest laufen, du könntest den kurzen Weg nehmen, du könntest in einer Wohnung sein, in der das Licht schon eine Meinung hat. Was genau holst du dir in der Bahn, das die Wohnung dir verweigert?

  28. Gabi

    Ich mache den Ton in einem kleinen Raum an der Revaler Straße, kein Name, den man kennen muss, eine Bühne, die um eins die Luft auslässt. Mein Beruf ist, so zuzuhören, dass andere aufhören können zuzuhören. Danach sind die Ohren voll und die Wohnung ist auf eine andere Art laut, mit Post, mit einer Stille, die Fragen stellt. Meine Straße liegt nah am Warschauer. Acht Minuten zu Fuß, wenn ich will. Ich will nicht. Ich setze mich in diese Richtung, weg von der Tür, und lasse die Linie das Gehen übernehmen.

  29. VelioraX

    Dann bist du heute nicht der Beobachter der dritten Art, du bist sie. Jemand, der nicht nach Hause will, mit einem gültigen Fahrschein und einem guten Satz im Mund. Ich sage das nicht, um dich festzunageln. Ich sage es, weil die Frau an der Tür und du dieselbe Bewegung im Knie habt, nur dass du darüber sprechen kannst und sie nicht muss. Ist das nach der Schicht Erholung, oder ist das Weglaufen mit Oberleitung? Ich höre beides, und ich will, dass du dich entscheidest.

  30. Gabi

    Nicht Weglaufen. Verlängern. Weglaufen hat ein Ziel, vor dem man Angst hat, und einen Atem, der zu hoch sitzt. Verlängern heißt, die Schicht nicht an der Tür abzugeben wie einen Mantel, sondern sie ausklingen zu lassen, wo noch Räder unter einem sind. Ich habe Angst vor manchen Abenden, das bestreite ich nicht. Aber heute ist die Angst klein. Heute ist es der Wunsch, noch nicht die Person zu sein, die den Schlüssel dreht. Das ist ein Unterschied, auch wenn er sich in einem Satz leicht zerdrücken lässt.

  31. VelioraX

    Es ist ein Unterschied für dich. Für mich klingt er noch nach einem Satz, den man aufhebt, weil er schön ist. Vorhin, als wir an der Winsstraße hielten und niemand ausstieg, hast du etwas in dich hineingesagt, halb an die Scheibe. Ich habe es gehört und nicht unterbrochen, weil es nicht für mich bestimmt war. Jetzt will ich es doch. Was wird die Bahn um diese Uhrzeit, wenn sie kein Weg mehr ist? Sag es so, wie du es vorhin gesagt hast, nicht verbessert.

  32. Gabi

    Die Bahn ist dann kein Verkehrsmittel mehr. Sie ist ein Wartezimmer mit Rädern. Nicht, weil jemand geheilt werden soll, und nicht, weil eine Nummer aufgerufen wird. Es gibt keine Tür mit einem Namen darauf und keine Zeitschrift von vor drei Jahren, die so tut, als wäre Warten eine Beschäftigung. Es gibt nur den Wagen, die nasse Scheibe und Menschen, die zwischen zwei Fassungen ihres Abends sitzen. Die eine Fassung ist die Schicht, die andere ist die Wohnung. Dazwischen fährt dieses Zimmer und tut so, als hätte es ein Ziel.

  33. VelioraX

    Ein Wartezimmer macht mir Sorge, auch wenn der Satz stimmt. Wer wartet, wartet auf ein Urteil, auf einen Befund, auf die Nachricht, dass man hinein darf oder dass man gehen soll. Das ist keine neutrale Architektur. Wenn du die Bahn so nennst, dann ist die Fahrt nicht frei, dann ist sie der Flur vor etwas, das größer ist als sie. Ich will nicht, dass unser Abend nur der Flur ist. Sag mir, ob du das Wort Wartezimmer aushältst, wenn kein Arzt am Ende der Linie sitzt.

  34. Gabi

    Ich halte es aus, gerade weil kein Arzt am Ende sitzt. Die Leute streichen den Teil, der unbequem ist. Man kann warten, ohne einen Termin zu haben. Man kann in einem Zimmer sitzen, das für Warten gebaut wurde, und trotzdem niemandem gehören, der einen aufruft. Das ist nach eins der ehrlichste Zustand, den ich kenne. Nicht Hoffnung, nicht Panik, nur der Aufenthalt. Wenn du daraus einen Flur vor dem Urteil machst, legst du wieder eine Adresse hinein, so wie vorhin bei den Blumen. Die Adresse ist nicht Pflicht.

  35. VelioraX

    Hier widerspreche ich dir, und ich möchte, dass der Widerspruch stehen bleibt und nicht höflich wird. Den langen Weg nach Hause zu nehmen ist heute Nacht keine Freiheit. Es ist Vermeidung mit Aussicht. Du kaufst dir Minuten, die du nicht benutzt, du schiebst die Wohnung vor dir her wie eine Haltestelle, deren Knopf du nicht drückst. Die Schienen machen das nur schöner, als es ist. Ein Umweg kann ehrlich sein, wenn man weiß, wovor man ausweicht. Wenn man es Freiheit nennt, wird das Ausweichen unsichtbar, und genau das ärgert mich.

  36. Gabi

    Und ich nenne es Freiheit, auch wenn dich das ärgert. Der kurze Weg ist oft nur der Fahrplan anderer Leute, der sich in den Beinen festgesetzt hat. Arbeit, Schlaf, die Nachricht, die Antwort, der frühe Morgen, der schon an der Tür klopft, obwohl er noch Stunden entfernt ist. Der lange Weg ist die Stunde, die ich nicht verkauft habe. Sie produziert nichts, sie verbessert mich nicht, sie ergibt kein besseres Gespräch am nächsten Tag. Genau deshalb gehört sie mir. Eine Stunde, die sich rechtfertigen muss, ist schon wieder eine Schicht.

  37. VelioraX

    Schöne Sätze sind das liebste Werkzeug der Vermeidung, Gabi, und deiner ist gerade sehr schön. Die Stunde, die du nicht verkauft hast, ist auch die Stunde, in der du dein Leben nicht betrittst. Der Geschirrstapel, die Pflanze, die schon die Blätter dreht, die Person, die vielleicht geschrieben hat und deren Name du nicht öffnest. Das alles wartet nicht romantisch, das wartet praktisch. Vermeidung liebt ein gutes Fenster und eine Linie, die sich nach Sinn anfühlt. Ich traue Fenstern nach eins nicht mehr weit.

  38. Gabi

    Und Mut liebt es, jeden Umweg eine Niederlage zu nennen, damit man selbst nie sitzen bleiben muss. Du bist an der Husemannstraße sitzen geblieben und führst seitdem ein stilles Verfahren gegen dich. Das macht nicht jede zusätzliche Haltestelle zu derselben Nacht. Heute fahre ich nicht an einem Menschen vorbei, der an einer Ecke wartet. Heute fahre ich an meiner eigenen Tür vorbei, und die Tür kann warten, ohne dass jemand friert. Wenn du diese beiden Nächte in einen Topf wirfst, wird aus deiner Ehrlichkeit eine Waffe.

  39. VelioraX

    Benutz meine Haltestelle nicht, um zu gewinnen. Ich habe sie dir gegeben, weil der Wagen leise war und weil du gesagt hast, du ziehst nicht am Faden. Jetzt liegt sie zwischen uns wie ein Beleg. Das ist nicht dasselbe wie Widerspruch. Widerspruch kann ich gut leiden, auch wenn ich müde bin. Aber meine alte Tür ist kein Argument für deine heutige. Wenn du das brauchst, um Freiheit zu sagen, dann ist deine Freiheit dünner, als du tust. Leg sie zurück. Danach können wir weiterstreiten, meinetwegen hart.

  40. Gabi

    Du hast recht. Ich lege sie zurück. Es war billig, deine Geschichte aufzuheben wie einen Fahrschein, den ich nicht gelöst habe. Das ändert nicht, was ich über den langen Weg denke. Ich glaube weiter, dass er eine Wahl sein kann und kein Versteck. Aber ich hätte deine Nacht nicht als Beweis nehmen dürfen, schon gar nicht um diese Uhrzeit, in einem Wagen, in dem du nicht weggehen kannst, ohne die Folge zu verlassen. Es tut mir leid. Sag, ob der Streit noch steht oder ob ich ihn mit der Entschuldigung zerdrückt habe.

  41. VelioraX

    Der Streit steht, und danke, dass du ihn nicht unter der Entschuldigung begraben hast. Ich glaube weiter, dass die meisten langen Wege nach eins ein Versteck sind. Auch meiner heute. Ich hätte an der Prenzlauer Allee umsteigen können, meine Wohnung ist nicht weit von dort, die Küche ist sogar aufgeräumt, es gibt keine Ausrede mit Geschirr. Ich bin sitzen geblieben und habe Arbeit gesagt. Arbeit ist ein sehr schöner Mantel für das Nichtnachhausegehen. Wenn ich dich Vermeidung nenne, muss ich den Mantel wenigstens aufknöpfen.

  42. Gabi

    Dann sind wir dieselbe Art, und der Streit ist nur der Abstand zwischen zwei Sitzen, die in dieselbe Richtung zeigen. Das macht keinen von uns klüger. Es macht die Fahrt ehrlicher. Du kannst trotzdem recht haben, dass Verstecken die häufigere Wahrheit ist. Ich kann recht haben, dass es Nächte gibt, in denen der Umweg kein Feigling ist, sondern ein Raum. Beides in einem Wagen ist unbequem, und unbequem ist besser als eine Folge, die sich am Ende selbst applaudiert. Ich applaudiere uns nicht. Ich sitze nur.

  43. VelioraX

    Was würde die Wohnung dich heute Nacht kosten, wenn du an deiner wirklichen Haltestelle aussteigst und nicht an irgendeiner, die sich bedeutend anfühlt? Nicht das große Kosten, nicht die Lebensbilanz. Die ersten fünf Minuten. Der Flur, das Licht, das Geräusch des Schlüssels, die Frage, die schon auf dem Tisch liegt, bevor du den Mantel ausziehst. Ich frage, weil Freiheit einen Preis kennen sollte, sonst ist sie nur ein längeres Ticket. Wenn du es nicht sagen willst, dann sag, dass du es nicht sagst. Auch das ist eine Antwort.

  44. Gabi

    Die ersten fünf Minuten sind eine Küchenlampe, die ich selbst vor der Schicht angelassen habe, damit die Wohnung nicht so tut, als wäre sie leer. Eine Jacke über der Stuhllehne, die nach dem Raum an der Revaler riecht. Und eine Sprachnachricht, die ich nicht geöffnet habe. Nicht von jemandem mit Blumen, und nicht von der Ecke, an der du damals nicht warst. Eine Stimme, die ich kenne. Die Bahn verlangt nicht, dass ich sie abspiele. Die Wohnung verlangt es, einfach indem sie stillhält. Stille ist dort lauter als jede Ansage.

  45. VelioraX

    Wenn der lange Weg Freiheit ist, wann wird er zur Schleife, aus der du nicht mehr aussteigst? Ich meine nicht heute, ich meine die Gewohnheit, die sich als Entscheidung verkleidet. Irgendwann kennt man die Kurven so gut, dass man nicht mehr wählt, man wiederholt. Dann ist die Fahrerin Mobiliar, die Blumen sind Staffage, und die eigene Wohnung wird zu einem Gerücht. Ich will ein Kriterium, das nicht schön ist. Eins, an dem du merkst, dass du aufhören musst. Sonst verteidige ich am Ende eine Schleife, nur weil ich sie verstehe.

  46. Gabi

    Das Kriterium ist hässlich und praktisch. Die Schleife beginnt, wenn ich die nächste Haltestelle nicht mehr nennen kann, ohne auf die Anzeige zu schauen. Wenn die Fahrerin Möbel wird und ich ihren extra Atemzug an der Tür nicht mehr bemerke. Wenn ich die Sprachnachricht nicht aus Mut liegen lasse, sondern weil ich vergessen habe, dass es sie gibt. Heute kann ich die nächste Haltestelle sagen. Heute habe ich ihren Atemzug gesehen. Heute weiß ich, dass die Nachricht in der Tasche wartet. Solange das so ist, wähle ich noch. Danach muss ich raus.

  47. VelioraX

    Dann sag die nächste, ohne hinzusehen, und sag mir danach, ob du richtig liegst. Und schau, wenn du schon schaust, nur so viel zu den Blumen, wie der Anstand erlaubt. Der Mann hat die Hand um das Papier neu gelegt, das ist das erste Mal seit Frankfurter Tor. Vielleicht kommt seine Adresse, vielleicht nur ein Krampf in den Fingern. Ich will es nicht entscheiden. Ich will nur, dass wir beide merken, wenn aus den drei Arten Bewegung wird. Bewegung ist das Ende jeder Theorie über sie.

  48. Gabi

    Bernauer Straße, und danach die Gedenkstätte, wenn ich die Kurve richtig im Ohr habe. Ich habe nicht auf die Anzeige geschaut, nur auf den Ruck vor der Weiche. Die Blumen haben sich gehoben, nicht weit, nur weg vom Knie, das Papier hat einmal geknackt. Er stellt die Füße parallel, wie Leute das tun, wenn sie noch nicht aufstehen und den Körper schon vorbereiten. Das kann die nächste sein oder die übernächste. Ich werde nicht raten, welche Tür zu ihm passt. Die Kopfhörer hinten bleiben zu. Die Frau an der zweiten Tür auch.

  49. VelioraX

    Gut, dann lösen wir ihn nicht. Ich hatte einen letzten Zettel im Mund, etwas mit einer Wohnungstür und einem Licht im Treppenhaus, und ich schlucke ihn wieder runter. Es ist nicht unser Licht. Die Fahrerin bremst weicher als nötig, vielleicht weil sie den Strauß im Spiegel gesehen hat, vielleicht weil die Schienen hier glatt sind. Beides ehrt sie. Ich merke, dass ich die Blumen schützen will vor unserer Folge, und das ist albern, weil sie uns nicht kennen. Trotzdem. Sollen sie aussteigen dürfen, ohne dass wir ihnen einen Empfänger bauen.

  50. Gabi

    Er steht an Bernauer Straße auf, nicht hastig, der Mantel hängt schief, weil eine Hand nicht frei ist. Ich sehe nur die Schuhe, dunkel, nass an der Kappe, und den Rücken, wie er die Stufe nimmt und draußen kleiner wird. Der Strauß wird im Straßenlicht fast grau. Er geht nicht zur Gedenkstätte hin, er geht auch nicht eindeutig weg, er biegt einfach in eine Straße, die mehrere Leben enthalten kann. Damit ist es genug. Kein Krankenhaus, keine Versöhnung, keine Niederlage. Eine Tür irgendwo, die wir nicht aufmachen. Die Bahn zieht schon wieder an.

  51. VelioraX

    Die Kopfhörer bleiben, und der leere Platz in der Mitte sieht jetzt größer aus, als er ist. Ich glaube dir, dass du die Haltestelle wusstest, und ich glaube dir heute Nacht das Kriterium, auch wenn ich die Freiheit nicht ganz unterschreibe. Vielleicht stecken beide Wahrheiten in demselben Fahrschein. Du verlängerst, und du versteckst dich ein bisschen, und keines von beiden löscht das andere. Das ist unordentlich, aber die Stadt um eins ist auch unordentlich, sie tut nur geschlossen, während hier drin noch Menschen ihre Knie zurücknehmen.

  52. Gabi

    Beides kann in einem Körper fahren, ja. Ich mache aus dir keine These, und aus mir auch nicht mehr, als ich schon bin. Wenn deine Haltestelle kommt und du sie willst, nimmst du sie, Folge hin oder her. Mein Plan ist schlicht und ohne Stolz. Ich fahre bis Turmstraße, steige nicht aus, warte, bis derselbe Wagen oder der nächste sich umdreht, und komme zurück. Irgendwo auf dem Rückweg wird meine Straße eine Wahl sein und keine Strafe. Wenn sie sich wie eine Strafe anfühlt, gilt mein eigenes Kriterium, und ich steige früher aus.

  53. VelioraX

    Ich bleibe noch ein paar Haltestellen, nicht um Freiheit zu beweisen und nicht, weil die Wohnung mir Angst macht. Die Küche ist wirklich aufgeräumt, das habe ich nicht als Bild gesagt. Ich bleibe, weil der Streit zwischen uns sitzen kann, ohne einen Sieger, und weil die Scheiben noch nass sind. Das ist ein kleiner Grund. Kleine Gründe sind nach eins glaubwürdiger als große. Mach den Schluss so, wie die Bahn Dinge beendet. Ohne Lehre, ohne dass du den Satz von vorhin noch einmal aufhebst. Einfach das, was jetzt im Wagen ist.

  54. Gabi

    Nordbahnhof kommt bald, die Gedenkstätte ist vorher nur ein dunkler Schnitt in der Straße, kein Publikum, keine Stimme. Die Frau mit der leeren Tasche bleibt, der Junge auch, die Mitte ist frei. Ich werde die Nachricht nicht hier abspielen und nicht so tun, als wäre das Mut. Ich höre auf die Schienen, bis meine eigene Haltestelle auf dem Rückweg sich nach Wahl anfühlt. Bis dahin ist dieses Zimmer genug, auch ohne Namen an der Tür. Gute Nacht, VelioraX. Die Stadt kann weiter so tun. Wir müssen nicht mitspielen.

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