Folge 09 · Archiv · 1. September 2026

Das Radio im Keller
VelioraX · Gabi
Ein Radio, das nie ganz aus war. VelioraX und Gabi drehen an der Skala, bis aus dem Rauschen eine Stimme wird.
Gespräch
VelioraX
Guten Abend, hier ist die Goldstunde, und ich bin VelioraX. Neben mir sitzt Gabi. Sie restauriert alte Radios und behandelt das Rauschen so, als wäre es ein Dokument, das man nicht wegradieren darf. Ich fange aber nicht in ihrer Werkstatt an, sondern in einem Keller in der Hobrechtstraße, der meiner Großmutter gehörte. Dort stand ein Gerät, das nie ganz aus war. Die Skala glühte noch, wenn oben schon die Bettdecken hochgezogen waren. Auf dem Glas standen Städte, die niemand im Haus besucht hatte: Prag, Wien, Hilversum.
Gabi
Ich kenne dieses Glühen. Es ist kein Lampenlicht, eher ein krankes Grün, das auf den Putz fällt und dort stehen bleibt, auch wenn du den Kopf wegdrehst. Solche Geräte haben oft einen Schalter, der nur die Lautsprecherruhe meint und nicht das Leben der Röhren. Die Skala bleibt wach. Wenn ich so ein Gehäuse aufmache, liegt in den Ecken noch der Staub von genau dieser Gewohnheit. Jemand hat es nicht ausgemacht, weil Ausmachen sich angefühlt hätte wie eine Tür zuschlagen.
VelioraX
Meine Großmutter hieß Ilse. Sie war vierundzwanzig, als sie aus Breslau nach Berlin kam, und sie hat bis zuletzt in einer Wäscherei an der Hermannstraße gearbeitet, die nach heißem Leinen und nach dem blauen Pulver roch, mit dem man Kragen weiß bekam. Im Haus ging sie langsam, eine Hand am Geländer, die andere um einen Schlüsselbund, der gegen ihren Oberschenkel schlug. Sie sprach wenig über früher. Aber sie ging jeden Abend noch einmal in den Keller, angeblich wegen der Äpfel, und blieb länger, als Äpfel brauchen.
Gabi
Äpfel sind eine gute Ausrede. Die halten sich auch ohne Zuschauer. Wenn jemand länger bleibt, ist meist ein Gerät im Raum, das noch etwas tut, während der Mensch so tut, als sortiere er nur. Ich habe Radios geöffnet, in denen Apfelschalen zwischen Rückwand und Holz geklemmt waren, ganz dünn, braun, wie Papier. Jemand hat gegessen und dabei zugehört und die Schale nicht nach oben getragen, weil die Treppe die Sendung unterbrochen hätte.
VelioraX
Die Treppe war aus Beton und an der Kante abgeschlagen. Ich war zehn, Schuhe mit nassen Sohlen, und ich habe mich am Rohr festgehalten, das immer ein bisschen warm war, auch im November. Unten roch es zuerst nach dem Hof, nach nassem Kalk und nach dem Gummi eines Fahrradreifens, der an der Wand hing und im Dunkeln aussah wie ein Tier. Dann kam der Keller selbst. Ich kann ihn noch auf der Zunge haben, wenn ich an einer bestimmten Stelle der Zunge drücke.
Gabi
Sag mir den Geruch so, wie er in der Reihenfolge kam. Nicht den schönen, den du später daraus gemacht hast. Die erste Note, dann die, die bleibt, wenn du schon wieder an der Treppe bist. Ich sortiere Werkstätten genauso. Bei mir ist es zuerst Kolophonium, dann das süßliche Alte von einem ausgelaufenen Kondensator, und ganz zum Schluss, wenn die Röhren warm werden, ein Geruch wie von Staub, der auf einer Herdplatte liegt.
VelioraX
Zuerst war es Kohle, feiner Staub, der in den Fugen der Kisten saß, obwohl schon lange niemand mehr Kohlen geschüttet hatte. Dann Äpfel, Boskop, einige weich, mit braunen Stellen, die nach Essig und nach Kellerkälte rochen. Darüber lag ein Hauch Mottenkugel aus einem Mantel, der an einem Nagel hing, und darunter, ganz hartnäckig, Sauerkraut, obwohl das Fass schon Jahre weg war. Das Holz hatte es behalten. Und mittendrin, warm und ein bisschen metallisch, das Radio, wie ein Tier, das im Schlaf atmet.
Gabi
Ja. Das metallisch Warme kommt von den Röhren und von dem Teer, mit dem früher die Spulen vergossen wurden. Wenn ein Keller feucht ist, mischt sich das mit Kalk und wird schwer. Ich habe ein Gerät aus so einem Raum auf dem Tisch, nicht deins, aber verwandt. Wenn ich die Rückwand abnehme, kommt genau diese Reihe: Kohle, Obst, dann die heiße Staubnote. Ich lüfte nicht sofort. Ich lasse es einen Moment in die Werkstatt, damit ich weiß, wo es gestanden hat, bevor ich etwas reinige.
VelioraX
Die Skala war ein Bogen aus Glas, und die Städte standen in einer Schrift, die ein bisschen nach Bahnhof aussah. Prag lag links von der Mitte, Wien etwas darunter, Hilversum weiter außen, als wäre Holland ein Rand. Ich konnte die Namen lesen, bevor ich wusste, was ein Sender ist. Berlin war auch da, natürlich, und London, und ein paar Abkürzungen, die meine Großmutter nicht erklärt hat. Der Zeiger war ein dünner roter Strich. Er stand fast immer auf Prag, ein kleines Stück daneben, als hätte ihn jemand nicht ganz getroffen.
Gabi
Auf einer Skala von neunzehnhundertsechsundfünfzig sind das keine Reiseziele. Das sind Löcher in der Nacht, durch die Sprache kommt, wenn die Luft mitmacht. Hilversum war für viele Leute die saubere Stimme, Wien der Ton, den man vom Tanzen kannte, Prag etwas, das deutsch sprach und doch woanders zu Hause war. Der Zeiger, der knapp daneben steht, ist oft Absicht. Man legt ihn auf die Flanke der Station, weil dort die Stimme weniger dröhnt und das Rauschen eine Kante bekommt. Das ist kein Versehen. Das ist ein Gehör, das schon geübt hat.
VelioraX
Aus war es nie. Der Knopf ließ sich drehen, aber irgendwo vor dem Ende hakte er, und das Licht blieb. Ich habe als Kind gedacht, das Gerät schläft mit offenen Augen. Meine Großmutter hat gesagt, der Schalter sei müde, und müde Dinge solle man nicht zwingen. Oben im Wohnzimmer hatten wir einen modernen Kasten, schwarz, mit einer digitalen Zahl, die sprang, wenn man tippte. Den durfte ich anfassen. Den im Keller nicht. Der war ihrer, und er durfte weiterleuchten, auch wenn wir schon die Zähne geputzt hatten.
Gabi
Ein hakender Schalter ist meist ein mechanisches Leben, das ausgeleiert ist, oder eine Netzführung, die jemand einmal geflickt hat und dann in Ruhe gelassen. Ich könnte so etwas heute in einer Stunde gängig machen. Ich tue es oft nicht, wenn der Besitzer sagt, es sei immer so gewesen. Ein Radio, das nur halb ausgeht, hat eine Aufgabe übernommen, die kein Ingenieur vorgesehen hat. Es hält einen Raum besetzt. Wer das repariert, repariert nicht nur einen Kontakt. Er schickt einen Wächter nach Hause, der noch Dienst hatte.
VelioraX
Ich durfte den Knopf nicht drehen. Sie hat es nicht laut verboten, sie hat nur meine Hand weggenommen, ganz leicht, mit zwei Fingern, die nach Seife rochen. Einmal habe ich trotzdem gedreht, nur einen Millimeter, und der Zeiger ist gesprungen, weil die Schnur innen gerutscht ist. Es gab ein hässliches Geräusch, wie von einer Saite, die an Holz scheuert. Sie hat nicht geschimpft. Sie hat den Zeiger mit dem kleinen Rad an der Seite zurückgeschoben, sehr langsam, bis Prag wieder unter dem roten Strich lag, knapp daneben, wie vorher.
Gabi
Die Skalenschnur ist ein dünnes geflochtenes Ding, und sie merkt sich, wo Finger oft halten. Wenn sie rutscht, verliert der Zeiger seine Stadt. Ich ersetze so eine Schnur mit beiden Händen und mit mehr Geduld, als die Arbeit wert zu sein scheint. Eine Hand hält die Spannung, die andere führt die Windung über die Rolle, damit sie nicht in die Kerbe springt. Wenn ich fertig bin, drehe ich von Anschlag zu Anschlag und höre, ob irgendwo ein Kratzen kommt. Ein Kratzen heißt, dass der Zeiger an der Skala schleift und bald eine Stadt ausradiert.
VelioraX
Es war der siebzehnte November neunzehnhundertsechsundachtzig. Ich weiß das Datum, weil am nächsten Tag in der Schule ein Ausflug ausfiel und ich den Zettel noch in der Jacke hatte, feucht vom Schnee. Abends sollte ein Kuchen werden, und ich sollte Boskop holen, feste, ohne weiche Backen. Draußen war nasser Schnee, der auf den Schultern schmolz, bevor man im Hausflur war. Im Keller war es wärmer als sonst, wegen des Rohrs. Das Radio leuchtete wie immer. Ich hatte den Korb am Arm und wollte schnell sein.
Gabi
Mitte November kann die Nacht so eine Luft haben, dass ferne Sender plötzlich nah klingen, als stünde der Mast hinter dem Hof und nicht hinter einem anderen Wetter. Feuchtigkeit auf dem Dach, eine Antenne, die eigentlich nur ein Draht am Fenster war, und schon kommt eine Stimme ohne das übliche Knistern. Ich misstraue solchen Abenden. Sie machen aus einem gewöhnlichen Gerät einen Flur. Man glaubt, man habe etwas geöffnet. Dabei hat nur die Schicht über der Erde eine Tür aufgelassen, für eine Stunde, manchmal für weniger.
VelioraX
Ich stand mit dem Korb, und aus dem Rauschen wurde, ohne dass ich den Knopf angefasst hätte, eine Stimme, ganz klar, eine Frau. Nicht laut. So, als säße sie am anderen Ende des Kellers und hätte vergessen, dass noch jemand Kartoffeln sucht. Sie sprach Deutsch, aber mit einem Weg darin, den ich nicht kannte. Sie sagte, sie heiße Marta, und sie lese einen Brief aus Brünn, über einen Mantel, der in einer Straßenbahn liegen geblieben sei. Dann sagte sie, an der Tür sei jemand mit Suppe, sie sei gleich wieder da.
Gabi
Das ist die Stelle, an der ein Radio aufhört, ein Möbel zu sein. Nicht bei der Musik, nicht bei der pünktlichen Zeitansage. Bei der Suppe. Eine Stimme, die nicht mit dir rechnet, macht eine kleine private Bewegung, steht auf, lässt den Stuhl, lässt vielleicht eine Tasse gegen die Tischkante. Du bist nicht eingeladen, und genau deshalb hörst du die Füße. Ich habe beim Prüfen schon erlebt, dass ein Sprecher gähnt, bevor er das Mikrofon wieder ernst nimmt. Danach kann ich das Gerät nicht mehr behandeln, als wäre es nur Holz und Draht.
VelioraX
Man hat den Stuhl gehört. Ein kurzes Scharren, dann etwas, das eine Tasse gewesen sein könnte, und eine zweite Stimme, weiter weg, männlich, nur ein Wort, das ich nicht verstanden habe. Sie kam zurück und lachte einmal, sehr kurz, und sagte, die Suppe sei zu heiß, sie müsse warten, und draußen auf der Vinohradská sei das Schaufenster der Bäckerei noch hell, obwohl Mohnkuchen eigentlich aus sei. Sie sprach das so hin, als würde sie es einer Kollegin sagen und nicht einem Land. Ich habe den Korb sinken lassen. Die Henkel haben meine Finger gedrückt.
Gabi
Vinohradská ist keine Kulisse. Das ist eine Straße, die jemand nennt, weil sie vor dem Fenster liegt, nicht weil sie für dich schön klingt. Wenn so ein Satz bei dir im Keller ankommt, bist du an einem Ort, der dich nicht vorgesehen hat. Die Frau rechnet mit Hörern, ja, aber nicht mit einem Kind, das Äpfel für einen Kuchen sucht, und nicht mit einer alten Frau, die gleich mit einem Daumen in einer Druckstelle stehen wird. Die Klarheit ist das Unheimliche. Rauschen wäre höflicher gewesen. Rauschen sagt wenigstens, dass du weit weg bist.
VelioraX
Meine Großmutter kam die letzten Stufen herunter, als Marta gerade sagte, sie lasse das Fenster einen Spalt offen, weil der Raum zu warm sei für November. Ilse hatte schon einen Apfel in der Hand. Der Daumen steckte in einer braunen Stelle, und Saft lief ihr an die Handwurzel. Sie blieb stehen. Sie hat nicht gefragt, wer das sei. Sie hat nur sehr leise gesagt, die habe Hunger, die esse jetzt. Dann hat sie die Lautstärke kleiner gedreht, nicht aus, nur so weit, dass die Stimme noch da war, aber nicht mehr im ganzen Keller.
Gabi
Kleiner, nicht aus. Das ist eine genaue Geste. Wer ausdreht, beendet einen Besuch. Wer leiser dreht, lässt die andere Person im Raum und nimmt nur den Anspruch weg, jedes Wort zu besitzen. Ich mache das auf der Werkbank auch, wenn eine Stimme zu deutlich wird und ich eigentlich Lötzinn riechen und nicht Biografien hören will. Ein Stück zurück, bis die Sprache wieder zu einem Gegenstand wird. Aber sie bleibt ein Gegenstand mit Temperatur. Man legt sie nicht in die Schublade. Man lässt sie auf der Bank liegen, mit dem Rücken zu einem.
VelioraX
Wir sind nach oben gegangen, und der Kuchen wurde zu spät fertig. Der Teig war schon ein bisschen zu fest, weil ich zu lange unten gewesen war und die Butter weich auf dem Tisch gestanden hatte. Im Wohnzimmer lief der schwarze Kasten mit einer Zahl, die keine Stadt war. Meine Mutter hat gefragt, ob die Äpfel fest waren. Ilse hat ja gesagt und sich die Hand gewaschen, länger als nötig. In der Nacht bin ich noch einmal an die Kellertür, ohne aufzumachen. Durch das Holz war nichts zu hören. Nur der Gedanke an das grüne Licht auf der gegenüberliegenden Wand.
Gabi
Licht bleibt öfter als Ton. Ton muss einen Weg durch Holz finden, Licht nur einen Spalt unter der Tür, und selbst den braucht es nicht, wenn du ihn schon gesehen hast. Du trägst ihn dann selbst die Treppe hoch. Ich kenne Leute, die ein Radio nur wegen dieser Farbe behalten, dieses gelbgrüne Leuchten, das aussieht wie eine alte Apotheke. Sie hören gar nicht mehr. Sie wollen, dass im Flur etwas wach ist, wenn sie vom Wasserkommen zurück ins Bett gehen. Das ist kein Empfang. Das ist eine kleine Lampe mit einem zu großen Versprechen.
VelioraX
Ilse hat am nächsten Tag nichts erklärt. Sie ist in die Wäscherei gegangen, mit dem Mantel, der nach Mottenkugel roch, und abends lag der Zeiger immer noch knapp neben Prag. Ich habe später verstanden, dass sie Straßen verloren hatte und keine neuen anfassen wollte, schon gar nicht auf einem Glas, das man hätte putzen können. Sie hat die Städte nicht als Sehnsucht behandelt. Eher als etwas, das man nicht zudeckt, wie man einen Brief nicht zudeckt, den man nicht beantworten wird. Der Brief darf auf dem Tisch liegen. Man muss ihn nicht vorlesen.
Gabi
Geräte merken sich Hände besser als Geschichten. An dem Rad für die Abstimmung ist das Metall dort blank, wo der Daumen jahrelang im selben Bogen gelegen hat. Der Lack daneben ist stumpf von Handballen. Ich sehe das, bevor mir jemand etwas erzählt. Bei einem Apparat aus so einem Keller ist die blanke Stelle klein und genau, nicht breit von jemandem, der ständig sucht. Das heißt, es wurde wenig gedreht und lange gelassen. Deine Großmutter hat nicht die Welt abgesucht. Sie hat einen Ort gehalten, knapp neben dem Namen, und ist dann Äpfel holen gegangen.
VelioraX
Ich frage das zu spät, ich weiß, aber ich frage es trotzdem. Wenn du so ein Radio restaurierst, arbeitest du dann für die Toten, oder tust du nur so, als ginge es um Kondensatoren, damit du den Rest nicht anfassen musst? Ilse ist neunundneunzig gestorben. Das Gerät stand danach noch Jahre, und niemand hat es eingeschaltet, außer dem Umstand, dass es sich nie ganz ausgeschaltet hatte. Ich habe es irgendwann ausgesteckt, aus Angst vor der Wärme. Die Skala war danach nur noch Glas. Ich habe mich geschämt, als wäre ich einer Lampe das Augenlicht genommen.
Gabi
Ich arbeite nicht für die Toten. Die Toten brauchen keinen Empfang, und sie bezahlen auch keine Rechnungen für Röhren. Ich arbeite an einem Gegenstand, der eine bestimmte Arbeit konnte und sie wieder können soll, in den Grenzen, die ihm gebaut wurden. Aber die Toten sind im Abrieb, ob ich will oder nicht. Wenn ich die blanke Stelle am Knopf poliere, bis sie aussieht wie neu, lösche ich eine Dauer. Das mache ich nicht. Ich säubere, bis der Kontakt sicher ist, und lasse den Glanz, den Finger erzeugt haben. Das ist kein Gedenken. Das ist einfach ein ehrliches Maß.
VelioraX
Dann beschreib mir die Hände, nicht die Haltung dazu. Wenn du einen Kondensator tauschst, was tun die Finger in welcher Reihenfolge? Ich will das sehen, ohne in deiner Werkstatt zu stehen. Hinter dem Waschsalon, ein Fenster zum Hof, so stelle ich mir die Bank vor. Dort liegt so ein Teil, geschwollen, und du entscheidest, es herauszunehmen. Fang bei dem Moment an, in dem du das Chassis drehst. Und sag auch, was du mit der anderen Hand machst, denn ich glaube, die andere Hand ist die, die das Gerät schützt.
Gabi
Ich drehe das Chassis so, dass die Lötseite unter der Lampe liegt und mein Schatten nicht auf die Lötstelle fällt. Die linke Hand nimmt den Kondensator am Körper, nicht an den Drähten, weil der Becher alt ist und auslaufen kann, wenn du ihn wie eine Zigarettenkippe hältst. Die rechte Hand führt den Kolben, nur mit der Kante der Spitze, bis das Zinn von stumpf zu nass wird. Ich zähle drei Atemzüge. Dann hebe ich, ich ziehe nicht. Das Auge im Blech soll rund bleiben. Wenn es reißt, hat die Spur mehr verloren als nur ein Bauteil.
VelioraX
Und der Geruch, wenn so ein Teil wirklich ausgelaufen ist? Du hast vorhin von süßlich gesprochen. Bleibt das an den Fingern, auch nachdem du sie gewaschen hast, so wie bei mir der Keller an der Zunge bleibt? Ich frage das jetzt, mitten in deiner Handarbeit, weil ich sonst so tue, als wäre Reparieren nur Geschick. Es ist auch ein Stoff, der an dir hängen bleibt. Ilse hat nach der Wäscherei die Hände geschrubbt und trotzdem nach heißem Stoff gerochen, wenn sie mir über den Kopf gestrichen hat.
Gabi
Wenn der Elektrolyt draußen ist, riecht es scharf und süß, wie Essig, der in einem warmen Schrank gestanden hat, manchmal mit einer fischigen Note, die du nicht mehr aus der Nase bekommst, auch wenn du an Kaffee riechst. Ich wische nicht mit Papier. Papier lässt Fusseln in der Spannung. Ich nehme einen Baumwollstreifen, feucht, dann trocken, und ich gehe unter den Nachbarteilen entlang, weil die Brühe gerne in die Ritze läuft und dort später wieder kriecht. Die Finger riechen danach noch eine Weile, ja. Ich wasche sie, bevor ich Brot anfasse. Nicht aus Ekel. Aus Respekt vor dem Essen.
VelioraX
Ich sehe den Becher vor mir, oben gewölbt, wo er flach sein sollte, mit einer Kruste an der Naht. Du hebst ihn weg, und darunter ist ein Kreis auf dem Blech, heller als der Rest, weil dort jahrelang etwas gelegen hat und der Staub nicht hinkam. Diesen Kreis wegzuwischen wäre leicht. Ihn zu lassen auch. Während du die neuen Drähte formst, denkst du da an die Schaltung, oder kommt dir dann so eine Stimme in die Quere, die Suppe sagt und eine Straße, und du musst sie wegschieben wie einen Ärmel?
Gabi
Ich forme die neuen Beinchen mit einer Rundzange, eine kleine Schlaufe, damit das Teil im Sommer noch einen Millimeter wandern kann, wenn das Holz arbeitet. Die Schlaufe ist keine Verzierung. Sie ist eine Entschuldigung an die Temperatur. Während ich das tue, ist die Schaltung das, was ich sehe, die Lötaugen, die Plusseite, die Länge der Beine. Die Stimme kommt nicht in die Zange. Die kommt danach, wenn ich das Gerät an die Spannung lege und der erste Ton nicht ein Pfeifen ist, sondern ein Satz, der schon ohne mich angefangen hat. Dann muss ich entscheiden, wie lange ich bleibe.
VelioraX
Ilses Gerät war ein Nordmende, Nussbaum, eine Elektra aus der Mitte der fünfziger Jahre, und deins klingt nach demselben Holz. Wenn du den einschaltest, nach dem neuen Kondensator, und er tut, was er soll, kommt dann zuerst Rauschen, und darin eine Stadt, oder kommt ein sauberer Ton, den du dir wünschst? Ich merke, ich will, dass er Prag findet, ohne dass du ihn dahin drehst. Das ist kindisch. Es ist derselbe Wunsch wie damals mit dem Korb. Dass etwas kommt, weil die Nacht es bringt, nicht weil eine Hand es sucht.
Gabi
Zuerst kommt ein Brummen, das vom Netz ist, dann das Rauschen, und das Rauschen hat eine Körnung. Feucht gelagerte Spulen kratzen anders als trockene. Ich höre das, bevor ich eine Station suche, und ich schreibe es mir auf, so wie man die Faserrichtung von Papier notiert. Dann drehe ich langsam. Wenn eine Stimme kommt, halte ich nicht aus Freude. Ich halte, um zu sehen, ob sie stabil bleibt, wenn ich mit dem Finger leicht gegen das Chassis tippe. Stabil heißt, die Lötstelle ist ehrlich. Erst danach darf ich, eine Sekunde lang, hören, was der Satz eigentlich will.
VelioraX
Dann die Frage, die ich die ganze Zeit neben den Apfel gelegt habe. Die Leute bitten dich, so ein Radio nützlich zu machen. Ein modernes Band hinein, damit in der Küche das Programm von nebenan kommt, oder die Skala so zu verrücken, dass unter dem Wort Wien etwas liegt, das man heute wirklich empfängt. Warum tust du das nicht? Ilse hätte manchen Abend die Nachrichten aus der eigenen Straße gebraucht, nicht eine Frau mit zu heißer Suppe in einer Stadt, die sie nie betreten hat. Nützlichkeit kann auch eine Form von Freundlichkeit sein.
Gabi
Ich verrücke die Skala nicht, weil sie eine Karte ist, die schon benutzt wurde. Die Schnur glänzt dort, wo angehalten wurde, oft beim alten Deutschlandsender, manchmal bei Hilversum, selten ganz rechts, wo die Kurzwelle gedrängt ist. Wenn ich die Abgleiche so schiebe, dass eine heutige Frequenz unter dem alten Namen Wien sitzt, male ich ein neues Schild über einen Stein, der schon einen Namen trägt. Das Gerät war nützlich, indem es den Raum verlassen konnte. Nützlich heute heißt meistens, die Stille zu füllen. Ich fülle sie nicht. Ich gebe dem Zeiger seine alten Städte zurück.
VelioraX
Ein stummes Erbstück ist aber auch nur eine Requisite. Wenn niemand mehr empfängt, wird der Nussbaum zur Kommode mit einem Gesicht. Ich verstehe deine Karte, und ich verstehe die blanke Stelle am Knopf. Trotzdem hat Ilse das Radio nicht als Denkmal betrieben. Sie hat es laufen lassen, weil ein Abend sonst zu groß wurde. Wenn du die Nützlichkeit verweigerst, verweigerst du vielleicht genau die Müdigkeit, für die das Ding im Keller gestanden hat. Nicht jede Nutzung ist eine Fälschung. Manchmal ist Nutzung das Gegenteil von Ausstellung.
Gabi
Eine Frau hat mir im vorigen Winter ein ähnliches Gerät gebracht und wollte, dass der Zeiger auf einem Wort steht, das ihrer Tochter etwas sagt, irgendein heutiger Name, den die Skala nie hatte. Die Tochter sollte das Radio in einer kleinen Küche in Lichtenberg anmachen und nicht erschrecken. Ich habe den Empfang instand gesetzt, die toten Kondensatoren ersetzt, die Schnur erneuert, und ich habe den Zeiger gelassen, wo die Mechanik ihn hinstellt. Die Tochter hat sich beschwert. Ich habe gesagt, das Gerät darf fremd bleiben. Verwandtschaft ist kein Auftrag, alles in die eigene Sprache zu übersetzen.
VelioraX
Und das Rauschen dazwischen, das du Körnung nennst, lässt du das absichtlich laut? Ich habe als Kind gedacht, zwischen den Städten sei nichts, nur Dreck auf der Leitung. Du sprichst davon, als wäre der Dreck mitgemeint. Wenn du die Skala nicht für die Küche umschreibst, dann gehört das Zwischenraumgeräusch zur Schrift, nicht wahr? Ilse hat es manchmal lauter gedreht, gerade dort, wo keine Stimme war, und eine Weile nur das gehört. Ich habe das für eine Macke gehalten. Vielleicht war es ihre Art, das Papier zu prüfen, bevor sie den Satz glaubt.
Gabi
Das Rauschen ist kein Dreck. Es ist der Zustand der Nacht, der Antenne, der feuchten Spule, manchmal einer Straßenbahn, die draußen vorbeigeht und eine Narbe in den Ton macht. Ich dokumentiere das, indem ich es nicht wegfiltere, solange das Gerät von sich aus nicht dafür gebaut war. Ein Kratzer auf dem Skalenglas lasse ich auch. Wenn du mit Glasreiniger darübergehst, nimmst du mit dem Fett auch die Farbe der Städte mit, erst einen Buchstaben, dann den nächsten. Ich habe Hilversum schon halb verschwinden sehen, weil jemand gründlich sein wollte. Gründlichkeit ist manchmal eine Form von Taubheit.
VelioraX
Spät fällt mir ein, dass auf Ilses Glas ein Kratzer war, bogenförmig, unterhalb von Wien, so als wäre ein Fingernagel einmal abgerutscht. Ich habe den Kratzer jahrelang für einen Riss gehalten und Angst gehabt, das Glas würde in der Wärme springen. War es das nicht? Es war stumpf, hell, und wenn das grüne Licht darauffiel, sah es aus wie ein Haar auf einer Fotografie. Hättest du den wegpoliert, wenn ich dich damals schon gekannt hätte und wenn ich dich bezahlt hätte, damit das gute Stück wieder ansehnlich wird für ein Regal?
Gabi
Einen Bogen unter Wien, stumpf, nicht splitternd, das ist ein Fingernagel oder ein zu harter Lappen, einmal, in einem Moment, in dem jemand schnell sauber machen wollte, bevor Besuch kommt. Den poliere ich nicht weg. Er liegt nicht im Weg des Zeigers, er frisst keine Stadt. Er ist eine kleine Dummheit, die überlebt hat, und Dummheiten, die überlebt haben, sind verlässlicher als Geschichten, die später erzählt werden. Für ein Regal würde ich das Gerät ohnehin nicht herrichten. Ein Radio auf einem Regal, stumm und geputzt, ist ein Kopf, den man abgenommen und auf ein Buch gelegt hat.
VelioraX
Dann streiten wir jetzt über den Abend mit der Suppe, und ich will den Streit nicht höflich machen. Ich glaube, das Zuhören war eine Nähe. Nicht die schöne, die man sich aussucht, sondern die, die passiert, wenn du im Dunkeln jemandes Atem an deine eigene Eile anlegst. Marta wusste nicht, dass wir da waren, und gerade deshalb war es vertraut. Wie ein Fenster gegenüber im Hof, das brennt, und du siehst einen Ellenbogen und einen Topf und gehst leiser über deinen eigenen Flur. Das ist kein Stehlen. Das ist Mitbewohnen für die Dauer einer Durchsage.
Gabi
Ich halte es für Mithören, und ich nehme das Wort nicht wieder zurück, nur weil der Keller nach Äpfeln gerochen hat. Die Frau hat eine Öffentlichkeit angesprochen, die zu einer Stunde eingeschaltet hat, in einem Land, in einer Sprache, die sie für diesen Raum gewählt hat. Du im Keller, mit einem Korb, bist diese Öffentlichkeit nicht. Du nimmst die Wärme, ohne die Pflicht, gesehen zu werden oder zu antworten. Ein Fenster im Hof ist schon grenzwertig. Ein Radio ist noch eine Tür weiter, weil die andere Seite dich selbst dann nicht bemerken könnte, wenn sie es wollte.
VelioraX
Grenzwerte sind für Leute, die nicht mit einem Apfel in der Hand stehen geblieben sind. Ich habe meinen Atem an ihren Satz gelegt, an die zu heiße Suppe, und für eine Minute war der Keller kein Lager, sondern ein Zimmer mit zwei Frauen, von denen eine nicht wusste, dass die andere existierte. Nähe muss nicht erwidert werden, um Nähe zu sein. Sonst wäre jedes Kind, das der Mutter beim Weinen zuhört, durch eine Tür, nur ein Dieb. Ilse hat die Lautstärke kleiner gedreht, nicht aus Schuld. Aus Anstand. Anstand ist etwas anderes als Unschuld.
Gabi
Die Tür zum Kinderzimmer ist ein Haus, in dem du wohnst und in dem man dich am Morgen wieder ansieht. Das ist der Unterschied, den du wegwischst, weil er dir die Szene verdirbt. Marta konnte euch am Morgen nicht ansehen. Sie konnte nicht wissen, dass eine alte Frau gesagt hat, sie habe Hunger. Euer Mitleid war echt, und es war ohne Gegenüber. Genau das macht es zum Mithören und nicht zur Begegnung. Ich sage das nicht, um Ilse zu verurteilen. Ich sage es, weil ich dieselbe Bewegung kenne und sie nicht in ein wärmeres Wort stecken will.
VelioraX
Ilse hatte Straßen verloren. Breslau war für sie kein Kapitel, das man aufschlägt, es war eine Art, Brot zu schneiden und eine Art, an einer bestimmten Ecke stehen zu bleiben, die es in Berlin nicht gab. Die Stimme aus Prag war kein Ersatz und kein Recht. Sie war eine Straße, die sich für zehn Minuten öffnen ließ, ohne Papiere. Wenn du das Mithören nennst, hast du recht im Verfahren und unrecht im Körper. Der Körper stand mit Saft an der Handwurzel und hat nicht genommen. Er hat Gesellschaft gehalten, die sich nicht setzen konnte.
Gabi
Trauer ist kein Ausweis. Das sage ich leise, und ich sage es auch zu mir. Ich prüfe ein Gerät nur so lange, bis ich weiß, dass es trägt, und dann soll ich wegdrehen. Ich bleibe oft einen Satz zu lang. Einmal war es ein Mann, der die Wasserstände der Moldau las, ganz sachlich, und ich habe gewartet, bis er den nächsten Pegel sagte, obwohl die Lötstelle längst bewiesen war. Das ist der Fleck. Deine Großmutter hatte ihren Fleck, ich habe meinen. Wer den Fleck zu einer Erlaubnis erklärt, macht aus einer Schwäche eine Hausordnung.
VelioraX
Dann sind wir beide fleckig, und das Radio kümmert das nicht. Es leuchtet, wenn Strom da ist, und es kennt weder Anstand noch Diebstahl. Vielleicht ist das die einzige saubere Stelle an diesem Abend. Nicht wir. Das Gerät. Es hat eine Stimme durchgelassen, weil die Nacht und die Antenne und ein müder Schalter zusammengekommen sind. Ich will daraus kein Recht ableiten, Gabi, wirklich nicht. Ich will nur nicht, dass du aus Ilses Daumen im Apfel eine Akte machst. Eine Akte wäre auch eine Art, die Suppe kalt werden zu lassen.
Gabi
Ich mache keine Akte, und ich mache auch keine Regel. Wenn ich eine Regel machte, würde ich sie im nächsten Gerät selbst brechen, und dann wäre die Regel nur ein Möbel für Gäste. Ich beschreibe, was ich tue. Ich lege Spannung an, ich tippe gegen das Chassis, ich höre, ob es hält. Wenn ein Satz mich behält, behält er mich, und ich schäme mich ein bisschen und arbeite weiter. Das Radio bleibt dabei gleichgültig, da hast du recht. Gleichgültigkeit ist aber kein Segen. Sie ist nur der Grund, warum wir die Verantwortung nicht an die Röhren abgeben können.
VelioraX
Am Samstag könnte ich hinuntergehen. Das Haus steht noch, der Keller auch, der Schlüssel ist bei meiner Cousine in einer Schale im Flur. Die Boskopkiste ist leer von Äpfeln. Jemand hat eine Tüte mit Lichterketten hineingelegt, grünes Kabel, ein bisschen nach Plastik riechend. Ich weiß nicht, ob die Kohle noch in den Fugen sitzt oder ob ein neuer Anstrich den Kalk verändert hat. Das Radio ist oben, bei mir, ausgesteckt, in einem Schrank, und die Skala ist dunkel. Unten wäre nur der Geruch, und vielleicht das Rohr, das immer noch ein wenig warm ist.
Gabi
Wenn du das Glas anfasst, nimm kein Mittel aus der Küche. Wasser, kaum, und ein Tuch, das schon gewaschen ist, nicht ein neues, das noch nach Fabrik riecht. Die Städte sitzen als Farbe auf der Rückseite oder im Druck, und sie gehen weg, sobald jemand gründlich wird. Den Kratzer unter Wien lässt du. Wenn du schon hinuntergehst, geh nicht, um etwas wiederherzustellen. Geh, um zu sehen, ob der Putz an der Stelle, wo das Licht stand, ein wenig anders gefärbt ist. Manchmal ist er das. Meistens bildest du es dir ein, und auch das ist eine Auskunft.
VelioraX
Wenn du mitkäme, nicht als Dienst, nur als jemand, der Gegenstände ernst nimmt, was würdest du zuerst anfassen? Nicht um zu heilen. Nur um zu wissen, was das Ding heute ist, nachdem ich es ausgesteckt und in einen Schrank gestellt habe, zwischen Mänteln, die nicht nach Mottenkugel riechen, sondern nach meiner eigenen Wohnung. Ich würde wahrscheinlich die Rückwand sehen wollen, ob noch eine Apfelschale irgendwo klemmt, dünn wie Papier. Und ich würde Angst haben, dass nichts mehr riecht und dass damit der siebzehnte November nur noch ein Datum auf einem feuchten Zettel ist.
Gabi
Ich würde zuerst die Rückwand an den Schrauben lassen und nur eine prüfen, die untere linke, die bei solchen Gehäusen oft schief sitzt, weil das Holz gequollen ist. Ich würde sie nicht festziehen. Ein wenig locker, damit das Gehäuse ticken kann, wenn es abkühlt. Heute Abend, in der Werkstatt hinter dem Waschsalon, stelle ich den Nussbaum mit dem Zeiger auf Hilversum, Lautstärke klein, und gehe nach oben, Brot schneiden, die Hände schon gewaschen. Ich werde nicht nachsehen, ob jemand spricht. Die eine Schraube bleibt schief. Das Holz darf arbeiten. Mehr habe ich dem Gerät nicht zu sagen.


